Universitätsbibliothek Graz, Ms. 470 (fol. 137r)
Pergament, 145 Bl., 286 x 227mm, 1415, Chorherrenstift Seckau
Handschrift
Die im frühen 15. Jh. entstandene, deutschsprachige Handschrift stammt aus dem Chorherrenstift Seckau und wurde 1558/66 neu eingebunden. Sie vereint u.a. verschiedene Chroniken bzw. Chronikauszüge ( Weltchronik Heinrichs von München, die Gmünder Chronik, die Sächsische Weltchronik) sowie deutsche Übersetzungen lateinischer Texte. Besonders die Deutsche Sphaera Konrads von Megenberg bietet dabei interessante Einblicke in die (wissenschaftliche) Weltanschauung des Mittelalters, denn mit diesem ersten Astronomiebuch in deutscher Sprache präsentiert der Verfasser u.a. eine fundierte Begründung für die Kugelform der Erde. Damit widerlegt er das weitverbreitete moderne Klischee eines bildungsfernen Mittelalters und beweist, dass das Wissen der mittelalterlichen Menschen deutlich fortschrittlicher war, als wir heute oft annehmen. Der Text der Sphaera ist in der Ms. 470 reich mit astronomischen Federzeichnungen versehen.
Textauszug (zur Kugelform der Hydrosphäre) (fol. 137r)
Das auch das wasser sinbel sei, des zaichen nem wir also. man seczt ain zil an dez mers vfe[r] vnd ge ain schef von dem zil. das schef mag alzo verre in das mer tretten, das ains menschen aug vnden pei dem mastpaum daz zil an dem vfer nicht gesehen mag. vnd die augen oben in der höhen des mastpaums sehent daz selb zil wol. vnd solt doch das nider zil pas sehen dann das ober, dar vmb das sein lini kürzer ist zu dem zil als offenbar ist von den lini die von paiden augen gefürt werden von dem zil. das mag chain ander sach sein wan das wazzers gepirg vnd die runden grozz. wan tu wir all hindernüss ab, da von die augen gehindert mügen werden als nebel ist vnd ander dunst so ist dem ding alzo.
Übersetzung
„Dass auch das Wasser rund ist, zeigen wir mit folgendem Beweis: Man setzt eine Markierung am Meeresufer und lässt ein Schiff von diesem Punkt wegfahren. Das Schiff soll so weit auf das Meer hinausfahren, bis das Auge eines Menschen unten am Mastbaum die Markierung am Ufer nicht mehr sehen kann, während die Augen oben in der Höhe des Mastbaums dieselbe Markierung noch deutlich erkennen. Dabei müsste das untere [Auge] die Markierung eigentlich besser sehen als das obere, weil die [Sicht]linie zur Markierung kürzer ist, was an den Sichtlinien von beiden Augen [= beiden Beobachtern] zur Markierung deutlich wird. Das kann keine andere Ursache haben als die Wölbung und runde Gestalt des Wassers. Denn wenn man alle Hindernisse ausschließt, die die Sicht beeinträchtigen können, etwa Nebel und anderen Dunst, dann verhält es sich genau so.“
Kommentar
Konrad von Megenberg wurde 1309 im Ort Mägenberg südlich von Nürnberg geboren. Nach dem Besuch der Trivialschule in Erfurt führte ihn sein Studium nach Paris, wo er von 1334–1342 auch eine Lehrtätigkeit aufnahm. Ab 1342 wirkte er an der Wiener Stephansschule als Rektor, bevor er 1374 in Regensburg verstarb.
Bei der Deutschen Sphaera handelt es sich um eine Übersetzung der lateinischen Sphaera Mundi des Mathematikers und Astronomen Johannes de Sacrobosco (*um 1195). Die Übertragung Konrads entstand im Zeitraum zwischen 1347 und 1350 und gilt als das erste deutschsprachige Astronomiebuch. Die Schrift ist ein bedeutendes Zeugnis mittelalterlicher Wissenschaft: Sie bietet in vier Kapiteln eine volkssprachliche Einführung in die Astronomie, unter anderem erklärt sie die Gestalt der Erde, die Ordnung des Himmels sowie Sonnen- und Mondfinsternisse.
Die Federzeichnung in der Ms. 470 veranschaulicht den im zitierten Textausschnitt beschriebenen Beweis für die Erdwölbung. Anhand der unterschiedlichen roten Sichtlinien der beiden Beobachter („Augen“) am Fuß und an der Spitze des Mastes wird die Krümmung der Wasseroberfläche erklärt. Damit zeigen Zeichnung und Erklärung deutlich, dass die Kugelgestalt der Erde im gelehrten Mittelalter keineswegs angezweifelt, sondern vielmehr durch Beobachtungen, Experimente und geometrische Begründungen vermittelt wurde. Entsprechend richtet sich bereits der Prolog der Sphaera gegen die wahrheitsleugnenden Gegner der Wissenschaft , die lieber hören türssen mär dan die warhait [fol. 135r] („die lieber Ammenmärchen als die Wahrheit hören“).
Literatur in Auswahl
- Konrad von Megenberg: Die Deutsche Sphaera. Hrsg. von Francis B. Brévart. Tübingen: Niemeyer 1980 (Altdeutsche Textbibliothek. 90), hier: Z. 13–27. URL: https://research.ebsco.com/plink/74c5ca72-b676-3b5c-Grazer a312-5b5fc5b983e9.
- Grazer didaktisches Textportal zur Literatur des Mittelalters: https://gams.uni-graz.at/o:lima.9/sdef:TEI/get?mode=text
- Digitalisat der Handschrift: https://unipub.uni-graz.at/obvugrscript/content/titleinfo/5917194
Sabrina Bauer, Projektarbeit im Rahmen der Lehrveranstaltung „EX Historische Medien (Mittelalterliche Handschriften)“, Institut für Germanistik, Germanistische Mediävistik, Univ.-Prof. Dr. Julia Zimmermann