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Dienstag, 14.04.2026

Bratäpfel zum Pflücken? – Pimp your fruit tree!

Ms. 1609 (fol. 389r) ©Uni Graz/Restaurierung

Im Mittelalter hatte Obst einen hohen Stellenwert – neben der Süße der Frucht war auch die Verbindung mit den richtigen Gewürzen wichtig. Anbei eine DIY-Anleitung zum Selbstanbau wohlschmeckender Früchte.

Universitätsbibliothek Graz, Ms. 1609 (fol. 389r)

Papier, 469 Bl., 140 x 110 mm, zwischen 1451-1488, Provenienz unbestimmt (evtl. Mondsee oder Tegernsee)

Handschrift

Bei der Sammelhandschrift handelt es sich um das sog. Mondseer Koch- und Haushaltsbuch, das vor allem pragmatische Texte für die Führung eines großen Klosterhaushalts bietet. Am Schreibprozess des zusammengesetzten Kodex dürften 35 bis 40 verschiedene Schreiber beteiligt gewesen sein. Neben Kochrezepten (vgl. Objekt „Pfannkuchen á la 15. Jh.“), Alltagstipps für den Haushalt, Tischgebeten und medizinischen Rezepten für Mensch und Tier in deutscher und lateinischer Sprache findet sich ein Abschnitt mit Ratschlägen zum Anbau, zur Pflege und zur Veredlung von Obst und Weinreben (fol. 388r-416r). Im Folgenden wird ein Textauszug zu zwei recht speziellen Formen der Behandlung von Obstbäumen zur Geschmacksverbesserung der Früchte wiedergegeben.

Textauszug (fol. 389r)

Item: Spalt ain pawm yn czwai vnd czw paiden seitten pey dem mereren tail sneid holcz heraus, vnd leg dar yn welicherlai dw wild gewurcz vnd pintt yn vast czw vnd bestreich es mit laym, so wirt die frucht smecken vnd wol riechen nach dem gewürcz, das dw dar yn verporgen hast.

Item: Wellicher pawm sawr frucht pringt, so par ob den wurzen in den stam ain loch mit ainem nebiger vnd full das loch mit honigsam vnd verslach es mit einem hagendorn: des pawms frucht wirtt süzz.

Übersetzung

„Spalte einen Baum in zwei Teile. Schneide an dem dicksten Teil beider Seiten etwas Holz heraus und gib dein bevorzugtes Gewürz hinein. Binde beide Teile wieder fest zusammen und bestreiche alles mit Leim. Dann wird die (reife) Frucht gut nach dem Gewürz schmecken und riechen, das du darin verborgen hast.“

Wenn ein Baum saure Früchte trägt, so bohre oberhalb der Wurzel mit einem spitzen Bohrer ein Loch in den Stamm und fülle dieses Loch mit Honig. Verschließe das Loch mit Weißdorn: Die Frucht des Baumes wird süß werden.“

Kommentar

Die Grazer Handschrift 1609 enthält auf den Blättern 388r-416r eine Abschrift aus der im Mittelalter mit Abstand wohl wirkmächtigsten Fachschrift zum Obst- und Weinanbau, dem sog. Pelzbuch Gottfrieds von Franken. Die Bezeichnung der Schrift als Buch über das „Pelzen“ hat indes nichts mit Tierfellen zu tun, der Begriff ist vielmehr abgeleitet vom mittelhochdeutschen Verb belzen/pelzen (nhd. pfropfen, lat. propaginare). Ein Pelzbuch ist folglich eine Art Lehrbucht, die vermittelt, wie man bei der Obstbaumveredelung im Gartenbau pfropfen soll. Gottfrieds Abhandlung ist in zwei thematische Abschnitte unterteilt, das „Baumbuch“ und das „Weinbuch“. Der hier vorliegende Textauszug stammt aus dem Abschnitt zur Baumkunde.

Der vermutlich aus der Würzburger Gegend stammende Gottfried von Franken verfasste sein Pelzbuch wohl vor 1300 in lateinischer Sprache, in der Folgezeit fand die Schrift weite Verbreitung und wurde in zahlreiche Volkssprachen übersetzt. In deutscher Sprache existieren ca. 28 Überlieferungszeugen in drei verschiedenen Übersetzungsfassungen (A, B, C), von denen die B-Fassung, die sog. Patzauer Fassung, die weiteste Verbreitung fand. Der hier transkribierte Textauszug ist in seinem Wortlaut nahezu identisch mit Patzau Nr. 10 und 11. 

Ob die von Gottfried empfohlene Methode zur Geschmacksoptimierung von Obst tatsächlich funktioniert, käme wohl auf einen Versuch an. Die von uns in diesem Zusammenhang befragten modernen Obstanbauexperten verweisen indes eher auf die Photosynthese (Sonne und Wärme).

Literatur

  • Eis, Gerhard: Gottfrieds Pelzbuch. Studien zur Reichweite und Dauer der Wirkung des mittelhochdeutschen Fachschrifttums, Brünn/München/Wien 1944.
  • Giese, Martina: Das Pelzbuch Gottfrieds von Franken. Stand und Perspektiven der Forschung, in: ZfdA (2005), S. 294-335. 
  • Digitalisat der Handschrift: https://unipub.uni-graz.at/obvugrscript/content/titleinfo/5906159

Nach Vorarbeiten von Verena Črnko bearbeitet von J.Z., Projektarbeit im Rahmen der Lehrveranstaltung „EX Historische Medien (Mittelalterliche Handschriften)“, Institut für Germanistik, Germanistische Mediävistik, Univ.-Prof. Dr. Julia Zimmermann

 

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