Universitätsbibliothek Graz, Ms 1010 (fol. 70v)
Pergament, 71 Bl., 220 x 150 mm, 3. Viertel 13. Jh., Entstehungsort unbestimmt (Heiligenkreuz?)
Universitätsbibliothek Graz, Ms 1584 (fol. 48v)
Pergament/Papier (Spiegelblätter), 48 Bl., 150 x 100 mm, um 1200, Seckau
Handschriften
Bei Ms 1010 handelt es sich um eine Sammelhandschrift gemischten Inhalts, wovon die Derivationes, ein lateinisches Glossar, des Osbernus Glocestriensis (fol. 1r–70r) den größten Teil ausmachen. Darauf folgt auf fol. 70v eine Darstellung der Guidonischen Hand.
Ms 1584 ist ein Liber sequentiarum cum neumis, also eine Sammlung liturgischer Gesänge in lateinischer Sprache mit Neumenangaben, die auf der letzten Seite vor dem hinteren Spiegel (fol. 48v) ebenfalls eine Federzeichnung der Guidonischen Hand enthält.
Text
Die Transliteration wird hier am Beispiel der besser lesbaren Abbildung aus Ms 1010 (fol. 70v) dargestellt. Ms 1584 (fol. 48v) bietet eine inhaltlich entsprechende Illustration, in der allerdings am oberen Blattrand drei Töne abgeschnitten sind. Zusätzlich sind dort – kaum entzifferbar – rechts neben der Fingerspitze des Daumens ( Γut) die Worte „in linea“ sowie darunter, neben dem oberen Fingergelenk ( A re), „in spatio“ zu erkennen. Dies dürfte ein Hinweis darauf sein, dass in der guidonischen Notenschrift der erste Ton der Reihe auf einer Notenlinie ( linea), der zweite im Zwischenraum ( spatium) zu notieren ist und so fort.
Erläuterung
Mit Eselsbrücken wie „Do: a deer, a female deer; re: a drop of golden sun …“ bringt Julie Andrews als Maria Rainer den Trapp-Kindern im weltberühmten Musicalfilm The Sound of Music die Tonleiter bei. Wie aber lernte man eigentlich im Mittelalter, Musik zu lesen und zu singen?
Seit der Zeit des Guido von Arezzo (ca. 990–1050), der heute vor allem als Erfinder unserer modernen Musiknotation bekannt ist, und noch bis weit ins 18. Jh. diente dafür das Prinzip der Solmisation: Obwohl die Einteilung in Oktaven und die Benennung der Töne nach den ersten sieben Buchstaben des Alphabets bereits gebräuchlich war, verwendete man für das Blattsingen ein System von Silben, die nicht einen absoluten Ton bezeichnen, sondern für die relative Position innerhalb einer Tonleiter und damit den Abstand zu einem Grundton stehen. So konnte man beim Erlernen und Memorieren von Melodien die Töne auf die ihnen entsprechenden Solmisationssilben singen, die den Anfangssilben der je einen Ton höher beginnenden Verse des vermutlich von Guido selbst vertonten Johannes-Hymnus Ut queant laxis entnommen sind: ut (statt des späteren do) – re – mi – fa –_
_so(l) – la (die siebte Stufe ti kam erst später hinzu).
Dies ergibt Abfolgen von je sechs Tönen, sogenannte Hexachorde, bei denen der Halbtonschritt stets zwischen mi und fa (dritter/vierter Stufe) liegt und die von G, C oder F aus gezählt werden können. Damit ‚überlappen‘ die Hexachorde – beispielsweise entspricht der Ton F der Stufe fa (Quart über dem Grundton) im von C ausgehenden hexachordum naturale, aber auch der Stufe ut (Grundton) im hexachordum molle, weshalb er als „F fa ut“ bezeichnet wird. So erhält jeder Ton einen eindeutigen Namen, der zugleich seine Position in den Hexachorden markiert.
In diesem Kontext dient die Guidonische Hand, die in ähnlicher Form wohl schon vor Guido von Arezzo in Gebrauch war, als didaktisches Hilfsmittel. Ihr Prinzip besteht darin, dass allen Fingergliedern und -spitzen einer Hand jeweils ein spezifischer Ton zugeordnet ist. Die Tonreihe beginnt mit dem tiefen G (bei Guido als griechisches Γ notiert) auf der Daumenspitze und verläuft dann spiralförmig über die Mittelhand, den kleinen Finger und die mittleren Finger – bis hin zum höchsten Ton, dem eʺ (bei Guido ee), das auf der Rückseite des Mittelfingers liegt und in grafischen Darstellungen über der Fingerspitze notiert wird. Mit diesen insgesamt 20 Tönen ist der übliche Tonumfang der damaligen Vokalmusik abgedeckt. Beim Singen werden nun die Töne (in der Regel) mit dem Zeigefinger der rechten Hand auf der Innenseite der linken Hand angezeigt und damit visualisiert – so können Gesangslehrer oder Chorleiter Anweisungen geben, was zu singen ist. Dieses System spielt in der Vermittlung von Musik über Jahrhunderte hinweg eine zentrale Rolle, wie zahlreiche Abbildungen in der Art der hier vorliegenden belegen.
Literatur in Auswahl
- Dean, Jeffrey J./Berger, Christian: Art. Hexachord. In: MGG Online, hrsg. von Laurenz Lütteken. New York/Kassel/
Stuttgart 2016 ff. URL: https://www-1mgg-2online-1com-10000467c03b3.han.kug.ac.at/mgg/stable/12561. - Ehrenfort, Karl Heinrich: Geschichte der musikalischen Bildung. Eine Kultur-, Sozial- und Ideengeschichte in 40 Stationen. Von den antiken Hochkulturen bis zur Gegenwart. Mainz 2005.
- Ruhnke, Martin: Art. Solmisation. In: MGG Online, hrsg. von Laurenz Lütteken. New York/Kassel/Stuttgart 2016 ff. URL: https://www-1mgg-2online-1com-10000467c0.3b3.han.kug.ac.at/mgg/stable/11996
- Eine anschauliche und vor allem auch anhörbare Erklärung bietet der YouTube-Kanal „Early Music Sources“ (https://www.earlymusicsources.com/) im Video „Solmization and the Guidonian hand in the 16th century“!: Solmization and the Guidonian hand in the 16th century - YouTube
- Digitalisat der Handschrift Ms 1010
- Digitalisat der Handschrift Ms 1584
Sophie Elisabeth Hollwöger, Projektarbeit im Rahmen des Seminars „EX Historische Medien (Mittelalterliche Handschriften)“, Institut für Germanistik (Germanistische Mediävistik, Univ.-Prof. Dr. Julia Zimmermann)
Am Bild zu sehen v.ln.r.: Ms. 1010, fol. 70v, Ms. 1584, fol. 48v