Universitätsbibliothek Graz, Ms. 1228 (fol. 32v)
Papier, Pergamenteinband, 81 Bl., 210 x 130 mm, 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts, Provenienz unbekannt
Handschrift
Der Codex 1228 ist eine theologisch-juristische Sammelhandschrift, die hauptsächlich kürzere lateinischer Texte (z.B. einen Tractatus de confessione), aber insbesondere unter den Miszellen auch kleinere deutsche Texte enthält. Der Einband besteht aus Pergament, während die Quartseiten Papier als Beschreibstoff haben. Neben dem sog. Waffensegen enthält die Handschrift auch einige Gebetstexte, einen Wundsegen und eine Traumdeutung sowie einen Kaufvertrag (im Einband) in deutscher Sprache.
Text
(fol. 32v) Swer den segen all tag spricht, der sol daz siecherleichen gelauben, daz in chain [waffen] nicht verbunden mag: „Herr, ich enphilch mich heut in al dein macht vnd in dez heiligen chraeucz chraft vnd in die chausch meiner frawen sand Marian. Vor allen meinen veiten [lies: veinden] sichtigen und vnsichtigen gesegne mich der segen, den der prester tůt mit vnserem herrn vber sein heiliges plůt, daz vnserm herrn auz seinen heiligen fünf wunden wFt. Daz sei vns hiut vnd ze allen zeiten vor allen wuntwaffen gůt vnd vor allen vnseren veinden vnser sel vnd vnser lesten zeit, vor den posen gaisten mFzen wir hiut vnd ze allen zeiten alz wol gesegnet sein alz der chelch vnd alz der wein vnd alz daz lembtig prot, daz vnser herre seinen heiligen jungern poͤt, vor allem vngelüche, daz vns schedleich sei an leib oder an sel.“ Dar zů sprich v pater noster und v ave maria.
Übersetzung
„Wer diesen Segen jeden Tag spricht, der darf sich sicher sein, dass ihn keine Waffe verwunden kann: ‚Herr, ich begebe mich heute in all deine Macht, in des heiligen Kreuzes Kraft und in die Keuschheit meiner Herrin, der Heiligen Maria. Vor allen meinen Feinden, sichtbaren und nichtsichtbaren, bewahre mich der Segen, den der Priester mit unserem Herrn über sein heiliges Blut spricht, das aus seinen heiligen fünf Wunden fließt. Das möge uns heute und zu allen Zeiten vor allen Wundwaffen schützen und vor allen unseren Feinden unserer Seele und unserer letzten Zeit, vor den bösen Geistern müssen wir heute und zu allen Zeiten wohl gesegnet sein wie der Kelch und wie der Wein und wie das lebendige Brot, das unser Herr seinen heiligen Jüngern bot, vor allem Unglück, das uns schädlich sei an Leib und Seele.‘ Dazu spreche fünf Vaterunser und fünf Ave Maria.
Kommentar
Der (neuzeitliche) Titel „Waffensegen“ mag zunächst suggerieren, dass es um die Segnung einer Waffe geht, bei genauer Betrachtung hingegen wird deutlich, dass es nicht ein Segen für Waffen, sondern gegen Waffen ist. Interessanterweise soll mit dem Segensspruch nicht nur vor leiblichen, sondern auch vor seelischen Schäden geschützt werden. Es ließe sich also das Kompositum wuntwaffen insofern durchaus breiter interpretieren, als damit nicht nur Waffen wie Schwerter gemeint sein dürften, sondern auch andere Bedrohungen, die in irgendeiner Form Schaden zufügen könnten. Das lässt sich etwa an Formulierungen wie dem gewünschten Schutz vor veinden vnsichtigen (unsichtbaren Feinden) oder vor posen gaisten (bösen Geistern) festmachen, vor denen die sprechende Person – neben den scharfen Waffen – ebenfalls geschützt werden soll.
Inhaltlich stellt sich der Waffensegen in die Tradition anderer Segen wie etwa den sog. Wurmsegen, der ebenfalls die Heilung bzw. den Schutz von Personen vor Krankheiten zum Inhalt hat. Dabei folgt auch der „Waffensegen“ dem charakteristischen Aufbau in historiola und Segensformel. Erstere umfasst eine kurze Anrufung an Gott oder an eine Heilige bzw. einen Heiligen, die/der einst in einer ähnlichen Situation wie die sprechende Person war. Beim „Waffensegen“ wird zuerst der Bezug zu Gott, Maria und Jesus und dessen Tod durch die fünf Wunden am Kreuz hergestellt. Damit ist über die Wunden Christi eine Analogie zu dem erwünschten „Wundschutz“ des Segensprechers hergestellt. Danach folgt der eigentliche Segensspruch, der für den Schutz vor den Waffen und anderen Bedrohungen sorgen soll. Dieser wird abschließend mit fünf Paternoster und fünf Ave Maria abgerundet. Sprüche wie der „Waffensegen“ fallen dabei in jene Kategorie von Texten, die nicht primär aus der Schriftlichkeit stammen, sondern für den mündlichen Gebrauch gedacht waren. Ein Indiz dafür ist die Verwendung von Reimen, die zur besseren Merkfähigkeit dienen, wie etwa tůt auf plůt und wůt auf gůt oder prot auf pot.
Aufgrund einer mangelnden Erfolgsstatistik des Spruches wird davon abgeraten, ohne weitere Schutzausrüstung in einen Kampf zu ziehen. Fragen Sie hierzu einen Waffenmeister oder Priester Ihres Vertrauens. Alternativ wird als lebensverlängernde Maßnahme empfohlen, sich von Kämpfen im Allgemeinen fernzuhalten.
Ausgewählte Literatur:
- Adalbert Jeitteles: Mittheilungen aus Grazer Handschriften. In: Germania 20 (1875), S. 437-444, hier S. 439f.
- Althochdeutsche Literatur. Eine kommentiere Anthologie, hrsg. von Stephan Müller. Stuttgart 2007. S. 268 und 391-403.
- Tuczay, Christa: Magie und Magier im Mittelalter. Überab. Neuausgabe. München 2003.
Christian Feichtinger, Projektarbeit im Rahmen der Lehrveranstaltung „EX Historische Medien (Mittelalterliche Handschriften)“, Institut für Germanistik, Germanistische Mediävistik, Univ.-Prof. Dr. Julia Zimmermann