Universitätsbibliothek Graz, Ms. 900 (fol. 305v-306r)
Papier, 339 Bl., 22 x 14 cm, 1. Hälfte 15. Jh., Zisterzienserstift Neuberg
Handschrift
Der Codex ist eine theologisch-historische Sammelhandschrift mit vorrangig lateinischen, aber auch kleineren deutschen Texten. Neben den Versen über die Monate und einem Pesttraktat des Jacob Engelin enthält die Handschrift u.a. auch eine Sammlung von Sprichwörtern in lateinischer und deutscher Sprache. Die Handschrift ist mit Rubrizierungen, roten Überschriften sowie roten Anfangsbuchstaben von verschiedenen Händen gestaltet. Der Einband besteht aus einem Holzdeckel, der halb mit grauem Leder überzogen ist; auf dem Einbandrücken befindet sich ein Papierschild mit der Aufschrift Neuberger Nr. 131.
Text (fol. 305v-306r)
Januarius – Hartman pin ichs genant / Gross trunck sent mir wolbekant.
Februarius – Harnu[n]g hays ich / Gest dw nacket, das gerewt dich.
Marcius – Ich bin gehayssen der mercze, / dy pflueg wil ich stercze.
Aprilis – Ich april zw rechtem zil / dy weinreben ich pesneyden wil.
Mayus – Hye kom ich stolzer mey / mit pluemen manigerley.
Junius – Brachman pin ich genant / der pflueg muss in mein hant.
Julius – Welhe ogssen oder ross czichen mir den pflueg / den gib ich habers genueg.
Augustus – Wol auf mit mir in die erden / wer da sneyden wil lernen.
September – Guten most hab ich vil / wem ich sie geben wil.
October – In aller hayligen nam / see ich meinen sam.
Nouember – holcz sol man sich bebaren / der winter wil here czw varen.
December – mit buten und mit proten / wil ich mein hauss wol pewaren.
Übersetzung
Jänner: Hartman bin ich genannt, mit großen Schlucken kenne ich mich aus.
Februar: Hornung heiß ich, gehst du nackt herum, wird es dich reuen.
März: Ich heiße März, die Pflüge will ich in Bewegung setzen.
April: Ich, April, werde zur rechten Zeit die Weinreben beschneiden.
Mai: Hier komm ich, der stolze Mai, mit vielerlei Blumen.
Juni: Brachman bin ich genannt, der Pflug muss in meine Hand.
Juli: Den Ochsen oder Pferden, die mir den Pflug ziehen, denen gebe ich ausreichend Hafer.
August: Wohl auf mit mir zum Acker, wer das Kornschneiden lernen will.
September: Guten Most habe ich reichlich für den, dem ich ihn geben will.
Oktober: Im Namen aller Heiligen sähe ich meinen Samen.
November: Holz soll man sich besorgen, denn der Winter naht heran.
Dezember: Mit Fässern und mit Broten will ich für mein Haus wohl sorgen.
Kommentar
Die hier vorliegende Auflistung von lateinischen Monatsnamen und jeweils dazu passenden deutschen Sprüchen diente wohl dem Verständnis der Monatsnamen. Ob es hierbei aber um die Vermittlung der lateinischen Monatsnamen ging, die im Schriftgebrauch des 15. Jahrhunderts längst bekannt und geläufig gewesen sein dürften, oder ob es – aus quasi historisch-antiquarischem Interesse heraus – um die Bewahrung volkstümlicher Monatsnamen ging, die zumindest in der Schriftsprachlichkeit kaum gebraucht wurden, lässt sich nicht eindeutig ausmachen. Mittelhochdeutsch hartmânôt/hartmân (Januar als der Monat, in dem der Boden hart gefroren ist), hornung (Februar als der Monat, in dem die abgeworfenen Hirschgeweihe eingesammelt werden) und brâchmânôt (Juni als der Monat, im dem die Brache gepflügt wird) sind bereits im Frühmittelalter volkssprachliche Monatsnamen. So berichtet etwa die Vita Karoli Magni Einhards von den Bemühungen Karls des Großen, den Monaten Namen in volkstümlicher Sprache zu geben; diese Namen werden im Text glossarähnlich in lateinisch-althochdeutschen Wortpaaren aufgeführt: Ianuuarium – Wintarmanoth (Wintermonat), Februarium – Hornung, Martium – Lentzinmanoth („Lenz“), Aprilem – Ostarmanoth (Ostermonat), Maium – Winnemanoth (Wonnemonat), Iunium – Brachmanoth (Brachmonat), Iulium – Heuuimanoth (Heumonat), Augustum – Aranmanoth (Erntemonat), Septembrem – Witumanoth (Holzmonat), Octobrem – Windumemanoth (Windmonat), Novembrem – Herbistmanoth (Herbstmonat), Decembrem – Heilagmanoth (Heiliger Monat). Diese volkstümlichen Monatsnamen haben sich freilich nicht durchgesetzt, etabliert haben sich stattdessen die aus dem Lateinischen entlehnten Bezeichnungen.
In der Ms. 900 findet sich zu jedem Monat von Jänner bis Dezember ein Merkspruch mit vorangestelltem lateinischen Monatsnamen – der jeweilige (volkstümliche bzw. entlehnte) Monatsname wird nur bis einschließlich Juni direkt im Spruch genannt. Der jeweilige Monat „spricht“ in der Ich-Form sein gereimtes Sprüchlein. Das Thema der Sprüche ist vor allem das landwirtschaftliche Leben. Dadurch ließen sich die Verse möglicherweise leicht(er) merken, da man den arbeitsreichen Jahreskreislauf von Aussaat bis hin zur Ernte kannte. So wird für die Frühlings- und Sommermonate auf die saisonale Arbeit auf dem Feld und Acker verwiesen, während die Herbst- und Wintermonate die Ernte und den Lohn der in den Vormonaten vollbrachten Bemühungen thematisieren. Einige Monatssprüche sind indes auch scherzhaft zu verstehen: So handelt der hartmânôt (Jänner) vom übermäßigen Trinken und der hornung (Februar) von der Weisheit, dass man sich im Winter besser warm anziehen sollte. Der November und Dezember hingegen geben Empfehlungen, wie man möglichst gut durch die kalte Jahreszeit kommt: mit genügend Holz, Brot und vollen Fässern.
Literatur in Auswahl:
Anton Kern: Die Handschriften der Universitätsbibliothek Graz, Bd. 2 (Handschriftenverzeichnisse österreichischer Bibliotheken, Steiermark 2), Wien 1956, S. 116f.
Rolf Bergmann/Stefanie Stricker: Althochdeutsche Monatsbezeichnungen in Einhards Karlsvita, Kalendarien und Sachglossen. Überlieferungsgeschichte und Wortschatzgeschichte, in: Sprachwandel im Deutschen, hg. von Luise Czajkowski u.a., Berlin 2018, S. 213-238.
Marlene Grünberger, überarbeitet von J.Z., Projektarbeit im Rahmen der Lehrveranstaltung „EX Historische Medien (Mittelalterliche Handschriften)“, Institut für Germanistik, Germanistische Mediävistik, Univ.-Prof. Dr. Julia Zimmermann